"Herausforderung Coronavirus“ Teil 3: Maschinenbau in der Krise am Beispiel der Firma Wackerbauer

26.01.2021

(Fotos: © Thorsten Jochim; Adobe Stock, Ahmet Aglamaz; Dr. Michael Sperlich)

Die Geschwister Wackerbauer in der Fertigungshalle ihres Unternehmens. Während der Krise wurden nicht nur Maschinen produziert (Foto: © Thorsten Jochim)

Mitarbeiterin der Kinderarztpraxis Dr. Sperlich in Ampfing mit einem Faceshielt der Firma Wackerbauer (Foto: © Dr. Michael Sperlich)

Der dritte Beitrag der Bayern International-Eigenproduktion widmet sich der Maschinenbaubranche und hier dem bayerische Unternehmen Wackerbauer Maschinenbau GmbH. Dieses stellte 2020 mitten in der Kurzarbeit der Coronakrise seine Produktion um und belieferte Krankenhäuser mit Gesichtsschilden zum Infektionsschutz. Bayern International sprach mit der Geschäftsführerin Claudia Wackerbauer im September und zu Beginn dieses Jahres über die Herausforderungen für ihr Unternehmen und ihre Branche inmitten der Corona-Pandemie und auch über die aktuelle Perspektive. 

 

Maschinenbau in der Krise: „Corona hat gezeigt, wieviel wir bewegen können“ - das Interview

 

Frau Wackerbauer, Ihr Unternehmen exportiert Maschinen in die ganze Welt. Ab welchem Zeitpunkt waren Sie von der Coronapandemie betroffen?

Claudia Wackerbauer: Vor Weihnachten 2019 haben wir Maschinen nach Asien verschifft und buchten Flüge für eine Montage in Singapur, die für Februar geplant war. Bereits im Januar fragten wir uns, ob wir fliegen könnten. Wir entschieden uns, die Montage anzutreten. Ich erinnere mich, dass ich unseren Partner in Singapur damals fragte, ob ich ihm etwas aus Bayern mitbringen sollte, und dachte an Lindt-Schokolade. Er bat mich um Desinfektionsmittel, die bei ihm ausverkauft waren. So war ich früh sensibilisiert und begann, für zu Hause einen Pandemieplan aufzustellen. 

 

Wie gingen Sie vor?

Claudia Wackerbauer: Sehr strukturiert arbeitete ich Pandemiepläne für Betriebe durch, die sich an Grippewellen orientierten. Ich entwickelte einen Plan, wer zu verständigen sei, wenn ein Mitarbeiter positiv getestet würde. Nach der Rückkehr aus Singapur hörten wir, dass ein Krankenhaus in unserer Nähe zum Covid-Krankenhaus umgebaut würde. Spätestens jetzt begriffen wir, dass auch zu Hause etwas auf uns zukommt. Wir haben die Mitarbeiter in der Werkstatt zusammengerufen und verlesen, wie wir uns das Kommende vorstellten. Wenig später stornierten zwei Kunden ihre Aufträge. Innerhalb von drei Tagen verloren wir einen fest eingeplanten Umsatz von 600.000 Euro.

 

Was entschieden Sie für die laufende Produktion?

Claudia Wackerbauer: Ich habe mich intensiv in den Nachrichten informiert und begann, zur Selbstklärung Tagebuch zu führen. Wir beschlossen, Kurzarbeit für Teilbereiche wie die Schweißerei und Montage anzumelden. Das war ein schwerer Schritt in 80 Jahren Firmengeschichte. Wir beschlossen dabei, erst mal ins Lager zu produzieren und Ersatzteile zu bauen, um die Mitarbeiter nicht ganz heimschicken zu müssen.

 

Dann aber kam Ihnen eine Idee, um dem Produktionsrückgang entgegenzuwirken…

Claudia Wackerbauer: Richtig. Ein Bekannter, der in der Klinik Mühldorf arbeitet, berichtete, dass dort Schutzmasken fehlten. „Wir geben ihnen unsere restlichen FFP2-Masken“, beschlossen mein Bruder und ich, „aber wir legen zwei auf die Seite, wenn unsere Mutter welche für den Arztbesuch braucht.“ Wir konnten es nicht fassen, dass das medizinische Personal keinen Schutz besaß. Uns fiel das Plexiglas ein, mit dem wir normal Schutzwände bauen, und überlegten, ob wir daraus Face-Shields produzieren könnten. Wir haben die Schilde mit Wasserstrahl geschnitten und mithilfe von unserem Roboter verklebt. Zu normalen Zeiten haben wir ein Roboterlabor, um Versuche zu machen.

 

Konnten Sie mit dieser Produktion denn Ihre Verluste ausgleichen?

Claudia Wackerbauer: Nein. Ich habe lediglich nachgerechnet, was wir ungefähr brauchen, damit das nicht in Richtung Samaritertum ginge. Geld verdienen müssen wir keines, dachte ich mir, aber die Kosten müssen gedeckt und Mitarbeiter bezahlt sein. So kam es, dass ich Ende März Kurzarbeit angemeldet hatte und einen Tag später bereits zu meinen Mitarbeitern sagen konnte: „Jetzt brauchen wir euch, denn wir produzieren Gesichtsschilde.“ Von der Idee bis zur ersten Auslieferung dauerte es gerade einmal fünf Tage. Uns half ein Muster, das wir probeweise gefertigt hatten und welches das Krankenhaus Mühldorf korrigieren und schließlich freigeben konnte.

 

Wie haben Sie den Vertrieb des Tröpfchenschutzes organisiert?

Claudia Wackerbauer: Das Krankenhaus in Mühldorf orderte als erster Abnehmer 1000 Stück. Es folgten weitere 1000 Schutzschilde für das Krankenhaus in Vogtareuth. Innerhalb von ein paar Stunden riefn auch das Klinikum in Traunstein und Erding an, weil sich die Krankenhäuser untereinander vernetzt hatten. Am ersten Wochenende fertigten wir 2000 Stück. Alle Bestellungen erreichten uns in der ersten Woche. In Wellen bedienten wir später Altersheime, Pflegedienste, Heilpraktiker, Zahnärzte und sogar Privatleute. Bis heute (Stand August. 2020) haben wir 6600 Schilde verkauft.

 

Traten bei der Produktion der Faceshields Hindernisse auf?

Claudia Wackerbauer: Ich habe die Bauvorschriften für Gesichtsschilde studiert und gesehen, dass sie zertifiziert sein müssen. Dies wäre zu teuer gewesen, denn wir produzierten immer noch im Selbstkostenbereich. Ich habe die EN-Norm also durchgearbeitet, was meinem täglichen Job im Maschinenbau entspricht. Im Rahmen der Pandemie konnte ich die Normen kostenlos nutzen und die Vorgaben zu bruchsicherem Material oder ausreichender Gesichtsabdeckung einsehen. Es gab aber auch Detailfragen. Ein Krankenhaus wollte wissen, wie man die Schilde säuberte. Das haben wir ordnungsgemäß recherchiert. Später haben wir eine günstige Zertifizierungsstelle gefunden und den Test sofort bestanden. Inzwischen sind unsere Masken DIN-Norm-zertifiziert.

 

War es während der Krise hilfreich, als Familienbetrieb zu produzieren?

Claudia Wackerbauer: Es war sehr nützlich. Denn keiner verband mit dem Einsatz einen Karriereschub. Auch sind wir es gewohnt anzupacken. Mein Bruder steuerte die Fertigungsabläufe. Meine Schwester verantwortet regulär den Einkauf. Sie kümmerte sich in der Pandemie um Logistik und Verpackung und überwachte, wer welche Charge erhielt. Aktiv zu sein, hat geholfen, mit Ängsten umzugehen. Es war sehr befriedigend, in der Krise einen Beitrag zu leisten. Rückblickend haben wir rund um die Uhr gearbeitet, und ich bin etwas ausgelaugt. Doch die Zufriedenheit wiegt das auf. Jeder von uns hat seinen Beitrag geleistet. Unser Schweißer hat beispielsweise Gummibänder ins Plexiglas eingezogen.

 

Hat die Erfahrung Sie etwas gelehrt?

Claudia Wackerbauer: Ein Unternehmer kann viel bewegen, wenn er eine Idee hat und sich traut, sie umzusetzen. Wir haben später auch Schutzmäntel für Krankenhäuser aus PE-Folie produziert. Der Prototyp wurde mit den Ärzten aus Mühldorf abgestimmt. Ich finde es eigentlich beschämend, dass so wenig in Deutschland produziert wird. Ich habe gemerkt, welches Potenzial freigesetzt wird, wenn im Lokalen produziert wird, wo sich die Menschen vertrauen. Aber das geht eben nicht für 50 Cent pro Stück wie in Asien…

 

Mit welcher Prognose schauen Sie als Unternehmerin in die Zukunft?

Claudia Wackerbauer: Ich glaube, dass die Krise lange dauern wird und nachhaltig wirkt. Für unser Unternehmen habe ich wenig Angst. Wir haben in der Krise erlebt, wie flexibel wir sind und fühlen uns selbstbewusst. Wenn einer noch einmal 5000 Gesichtsschilde bestellt, bauen wir sie wieder. Ich habe auch nach einem Medizinvertrieb geschaut. Allerdings sind das gewachsene Strukturen, die warten nicht darauf, dass ein Maschinenbauer kommt und den Markt aufmischt. Nur in der Krise konnten wir unbürokratisch die Nische wechseln und inzwischen laufen unsere Geschäfte wieder.

 

Was raten Sie anderen Unternehmern, worauf kommt es in Krisen an?

Claudia Wackerbauer: Klare Ansagen nützen, sowohl auf politischer Ebene als auch im Betrieb. Insgesamt stärkt uns die Erfahrung, dass wir zusammenhalten. Darüber hinaus zeigt unser Beispiel, dass sich Mut, Ideen und strukturiertes Vorgehen auszahlen. 

 

Wenn Sie heute, Mitte Januar 2021, auf das letzte Jahr und Ihr Unternehmen zurückblicken: Welches Resümee ziehen Sie?

Claudia Wackerbauer: Wir haben die Herausforderungen, die sich unserem Unternehmen gestellt haben, ganz gut meistern können. Bereits ab Juli 2020 gab es bei uns keine Kurzarbeit mehr und damit verbunden bis Jahresende eine befriedigende Auftragslage.

 

Wie blicken Sie am Jahresbeginn auf das Jahr 2021?

Claudia Wackerbauer: Was aus aktueller Perspektive den Ausblick auf dieses Jahr betrifft, ist die Auftragslage für unser Unternehmen noch gut. Aber ab April fehlt die Perspektive und es herrscht große Unsicherheit vor. Ganz allgemein empfinde ich aktuell die Stimmung als bedrückend, und das spiegelt sich auch in der eigenen Belegschaft wider. Ich erlebe diese Stimmung aber auch im eigenen geschäftlichen Wirkungsradius bei Videocalls oder Telefonaten.

 

Herausfordernd sind aktuell vor allem Auslandsreisen und Auslandsmontagen, weil sie extrem schwierig durchzuführen sind. Selbst für einen Arbeitsauftrag im nahegelegenen Österreich, wie zum Beispiel in Tirol, gilt es im Zuge der aktuellen Pandemie einiges vorab zu beachten und zu klären.

 

Eine letzte Frage, Frau Wackerbauer: Was ist aus Ihrer Produktion der Faceshields geworden? Hat sich damit für Sie vielleicht ein neues Geschäftsfeld aufgetan?

Leider sind die Faceshields kein Thema mehr für unser Unternehmen, obwohl wir jederzeit wieder solche produzieren könnten. Der Einsatz ist – wie vor der Pandemie – wieder auf medizinisches Personal als zusätzliche Schutzausrüstung beschränkt und sie sind jeweils gemeinsam mit einer FFP2-Maske im Einsatz. Neue Aufträge haben sich hierfür – im größeren Umfang – leider nicht ergeben.

 

Vielen Dank für das Interview!

 

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